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Welche Chancen und Herausforderungen bringt ein Migrationshintergrund in der Schule mit sich?

  • Autorenbild: Erkan Ercan
    Erkan Ercan
  • 25. März 2023
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

 Eine Lehrerin erklärt etwas am Laptop, während neugierige Schüler aus verschiedenen kulturellen Hintergründen ihr über die Schulter schauen.

Österreichs Klassenzimmer sind vielfältiger geworden. Kinder wachsen mit unterschiedlichen Sprachen, kulturellen Erfahrungen und Bildungsbiografien auf. Für Schulen ist diese Vielfalt längst Teil des Alltags.

Trotzdem zeigen Bildungsstudien weiterhin deutliche Unterschiede bei den schulischen Leistungen. Dabei ist wichtig, genau hinzusehen: Ein Migrationshintergrund allein erklärt nicht, warum ein Kind in der Schule erfolgreich ist oder Schwierigkeiten hat.

Entscheidend können unter anderem Deutschkenntnisse, die soziale und wirtschaftliche Situation der Familie, der Zeitpunkt der Zuwanderung, bisherige Schulerfahrungen und die Möglichkeiten zur Unterstützung außerhalb des Unterrichts sein.

Gerade deshalb lohnt sich ein differenzierter Blick darauf, wo tatsächliche Herausforderungen liegen – aber auch darauf, welche Chancen Mehrsprachigkeit und unterschiedliche Erfahrungen mit sich bringen.


Was zeigen aktuelle Daten für Österreich?

Bei PISA 2022 hatten rund 27 Prozent der 15-jährigen Schüler in Österreich einen Migrationshintergrund nach der Definition der OECD. 2012 waren es noch rund 16 Prozent. Rund drei Viertel dieser Schüler gaben an, zu Hause überwiegend eine andere Sprache als die Testsprache zu sprechen.

Bei den Leistungen zeigen sich zunächst deutliche Unterschiede. In Mathematik lag der durchschnittliche Abstand zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund bei 58 PISA-Punkten, beim Lesen bei 65 Punkten. Betrachtet man allerdings zusätzlich die soziale und wirtschaftliche Ausgangslage der Familien, verkleinert sich dieser Abstand erheblich.

Besonders interessant: Die OECD kommt für Österreich zu dem Ergebnis, dass der Leistungsunterschied in Mathematik nach Berücksichtigung von sozioökonomischem Hintergrund und zu Hause gesprochener Sprache statistisch nicht mehr signifikant war.

Das zeigt einen entscheidenden Punkt:

Nicht der Migrationshintergrund selbst ist das Problem. Die Bedingungen, unter denen Kinder lernen, machen einen erheblichen Unterschied.

Warum ist „Migrationshintergrund“ allein keine ausreichende Erklärung?

Der Begriff umfasst sehr unterschiedliche Lebenssituationen.

Ein Kind kann in Graz geboren sein, seit dem Kindergarten Deutsch sprechen und Eltern mit Hochschulabschluss haben. Ein anderes kommt vielleicht erst mit zwölf Jahren nach Österreich, hat zuvor ein anderes Schulsystem besucht und beginnt erst jetzt intensiv Deutsch zu lernen.

Beide gelten in Statistiken möglicherweise als Schüler mit Migrationshintergrund – ihre schulischen Voraussetzungen könnten aber kaum unterschiedlicher sein.

Deshalb sollte man bei schulischen Schwierigkeiten konkreter fragen:

  • Wie sicher beherrscht das Kind die Unterrichtssprache?

  • Welche Schulbildung hat es bisher erhalten?

  • Wie lange besucht es bereits eine österreichische Schule?

  • Gibt es fachliche Lernlücken?

  • Wie gut kennt die Familie das österreichische Bildungssystem?

  • Welche Unterstützung ist zu Hause möglich?

  • Wie selbstständig kann das Kind bereits lernen?

Erst dadurch lässt sich feststellen, welche Unterstützung tatsächlich benötigt wird.


Warum spielt die deutsche Sprache eine so große Rolle?

Deutsch ist nicht nur ein Unterrichtsfach. Es ist in den meisten österreichischen Schulen gleichzeitig das wichtigste Werkzeug, um alle anderen Fächer zu verstehen.

Ein Schüler kann mathematisch durchaus begabt sein und trotzdem an einer Sachaufgabe scheitern, wenn er die Formulierung nicht vollständig versteht.

Dasselbe gilt für Biologie, Geschichte, Geografie oder später Rechnungswesen: Mit zunehmender Schulstufe werden Aufgabenstellungen sprachlich komplexer und Fachbegriffe wichtiger.

Das Bildungsministerium bezeichnet die Beherrschung der Unterrichtssprache deshalb ausdrücklich als wesentliche Grundlage für erfolgreiches Lernen in allen Unterrichtsgegenständen.


Alltagssprache und Bildungssprache sind nicht dasselbe

Ein häufiger Irrtum besteht darin, gute mündliche Deutschkenntnisse automatisch mit ausreichender schulischer Sprachkompetenz gleichzusetzen.

Ein Kind kann sich im Alltag problemlos unterhalten und trotzdem Schwierigkeiten haben mit:

  • komplexeren Arbeitsaufträgen,

  • Fachbegriffen,

  • Textverständnis,

  • schriftlichen Begründungen,

  • Zusammenfassungen,

  • Textanalysen oder

  • dem Verfassen strukturierter Texte.

Genau deshalb sollte Sprachförderung nicht nur auf Grammatik und Rechtschreibung reduziert werden.


Welche Rolle spielt die soziale Herkunft?

Auch dieser Faktor wird häufig unterschätzt.

Bei PISA 2022 waren in Österreich rund 49 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund sozioökonomisch benachteiligt, verglichen mit 25 Prozent aller getesteten Schüler.

Das kann sich auf Bildung auf unterschiedliche Weise auswirken.

Nicht jede Familie kann beispielsweise:

  • regelmäßig kostenpflichtige Lernangebote finanzieren,

  • einen ruhigen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen,

  • umfangreich bei Hausübungen helfen,

  • Nachhilfe selbst übernehmen oder

  • kurzfristig zusätzliche Förderung organisieren.

Gleichzeitig wäre es falsch, diese Situation pauschal allen Familien mit Migrationshintergrund zuzuschreiben.

Bildungsstand, Einkommen und Lebenssituation unterscheiden sich innerhalb dieser Gruppe genauso wie in der restlichen Bevölkerung.

Genau deshalb sollte Unterstützung nach dem tatsächlichen Bedarf des Kindes erfolgen und nicht aufgrund seiner Herkunft.


Was kann schwierig sein, wenn Eltern das österreichische Schulsystem nicht kennen?

Eine weitere Herausforderung hat mit Sprache oft nur indirekt zu tun: Das österreichische Bildungssystem ist komplex.

Volksschule, Mittelschule, AHS, HAK, HAS, HTL, BMS, BHS, Polytechnische Schule, Lehre, Matura – Eltern, die selbst in einem anderen Land zur Schule gegangen sind, müssen zunächst verstehen, welche Bildungswege existieren und welche Voraussetzungen dafür gelten.

Das betrifft beispielsweise Fragen wie:

  • Welche Noten werden für eine AHS benötigt?

  • Wann sollte man mit der Schule über den weiteren Bildungsweg sprechen?

  • Welche Bedeutung haben Schularbeiten?

  • Welche Unterschiede gibt es zwischen Mittelschule und Gymnasium?

  • Welche Möglichkeiten gibt es nach einer Mittelschule?

  • Was unterscheidet HAK, HTL und AHS?

  • Welche Konsequenzen hat eine negative Jahresnote?

Hier kann frühzeitige Information enorm helfen.

Gerade bei wichtigen Übergängen sollten Eltern deshalb nicht zögern, rechtzeitig mit der Schule und den jeweiligen Lehrkräften zu kommunizieren.


Warum ist die Kommunikation zwischen Eltern und Schule besonders wichtig?

Aus unserer Erfahrung entstehen manche Schwierigkeiten nicht erst durch den Lernstoff, sondern dadurch, dass Probleme zu spät sichtbar oder angesprochen werden.

Wenn Eltern wissen, dass sie für ihr Kind einen bestimmten Bildungsweg anstreben, sollte dieses Ziel möglichst frühzeitig mit der Schule besprochen werden.

Lehrkräfte können wesentlich besser unterstützen, wenn sie wissen:

  • welches Ziel die Familie verfolgt,

  • wo Unsicherheiten bestehen,

  • welche Unterstützung bereits stattfindet und

  • wo sich möglicherweise Lernlücken entwickeln.

Gleichzeitig sollten Eltern nicht erst wenige Tage vor einer entscheidenden Prüfung erfahren, dass ein Kind seit Monaten Schwierigkeiten hat.

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Schüler, Eltern und Schule schafft mehr Zeit, um sinnvoll zu reagieren.


Welche Chancen kann Mehrsprachigkeit bieten?

Mehrsprachigkeit sollte nicht ausschließlich als schulische Herausforderung betrachtet werden.

Wer mehrere Sprachen beherrscht, bringt zusätzliche sprachliche und kulturelle Erfahrungen mit. Diese können später sowohl im Studium als auch im Berufsleben einen erheblichen Wert haben.

Das Ziel sollte deshalb nicht sein, eine andere Erstsprache zu verdrängen.

Entscheidend ist vielmehr, dass Kinder gleichzeitig jene Deutschkenntnisse entwickeln, die sie benötigen, um dem Unterricht sicher folgen und ihr tatsächliches fachliches Können zeigen zu können.

Auch das Bildungsministerium beschreibt sprachliche Bildung heute ausdrücklich breiter: Neben der Unterrichtssprache Deutsch sollen auch Erstsprachen, Fremdsprachen und sprachliche Vielfalt berücksichtigt und weiterentwickelt werden.


Was verändert sich aktuell bei der Deutschförderung in Österreich?

Auch das österreichische Schulsystem entwickelt seine Sprachförderung weiter.

Ab dem Schuljahr 2026/27 erhalten Schulen zusätzliche Möglichkeiten, die Deutschförderung stärker an die Bedürfnisse ihres jeweiligen Standorts anzupassen. Schulen können neben dem bisherigen Modell mit Deutschförderklassen und Deutschförderkursen auch standortspezifische Förderkonzepte umsetzen.

Zusätzlich gibt es beispielsweise Orientierungsklassen für schulpflichtige Kinder und Jugendliche, die mit sehr geringen oder keinen bisherigen Schulerfahrungen nach Österreich kommen.

Das ist wichtig, weil ein Kind, das erst kürzlich nach Österreich gekommen ist, eine völlig andere Form der Unterstützung benötigt als ein Kind, das hier geboren wurde und lediglich bei einzelnen schulischen Themen Schwierigkeiten hat.


Wann kann zusätzliche Lernunterstützung sinnvoll sein?

Nachhilfe sollte auch bei Kindern mit Migrationshintergrund nicht automatisch die erste Reaktion auf jede schlechte Note sein.

Zunächst sollte geklärt werden, wo das eigentliche Problem liegt.


  • Wenn vor allem die Sprache Schwierigkeiten bereitet

    Dann sollte gezielt an Deutsch, Lesen und Textverständnis gearbeitet werden.


  • Wenn fachliche Grundlagen fehlen

    Ein Schüler kann gut Deutsch sprechen und trotzdem größere Lernlücken in Mathematik oder einem anderen Fach haben.

    Dann sollte die Unterstützung fachbezogen erfolgen.


  • Wenn mehrere Bereiche gleichzeitig betroffen sind

    Gerade nach einem Schulwechsel oder einer späteren Zuwanderung können Sprache, Fachwissen und unterschiedliche Lehrpläne gleichzeitig eine Rolle spielen.

    Dann ist es besonders wichtig, zunächst herauszufinden, was bereits beherrscht wird und wo tatsächlich angesetzt werden muss.


Warum ist individuelle Einschätzung wichtiger als pauschale Förderung?

Zwei Schüler derselben Schulstufe können völlig unterschiedliche Unterstützung benötigen.

Der eine muss Fachbegriffe lernen. Der andere braucht mathematische Grundlagen. Ein dritter versteht den Stoff, hat aber Schwierigkeiten bei schriftlichen Prüfungen.

Deshalb sollte gute Nachhilfe nicht nach dem Prinzip funktionieren:

„Migrationshintergrund = Deutsch-Nachhilfe.“

Sondern:

Welche Fähigkeiten besitzt das Kind bereits – und was fehlt noch, um den schulischen Anforderungen sicher folgen zu können?

Diese Unterscheidung ist entscheidend.


Wie unterstützt Notenstar Schüler mit unterschiedlichen sprachlichen und schulischen Voraussetzungen?

Bei Notenstar betreuen wir Schüler mit sehr unterschiedlichen Bildungsbiografien. Dazu gehören Kinder, die in Österreich geboren wurden und mehrsprachig aufwachsen, ebenso wie Schüler, die erst später in das österreichische Schulsystem eingestiegen sind.

Dabei versuchen wir zunächst zu verstehen, wo die konkrete Herausforderung liegt.


  • Geht es um Deutsch und Textverständnis?

  • Fehlen mathematische Grundlagen?

  • Muss Stoff aus einem anderen Schulsystem aufgearbeitet werden?

  • Oder benötigt der Schüler Unterstützung dabei, sich auf österreichische Schularbeiten und Prüfungsformate einzustellen?


Je nach Bedarf kann anschließend eine passende Form der Unterstützung gewählt werden.

Gerade bei jüngeren Kindern ist außerdem wichtig, Schwierigkeiten nicht unnötig lange wachsen zu lassen.



Was können Eltern konkret tun?

Unabhängig von Herkunft oder Muttersprache helfen einige Grundprinzipien:


  • Frühzeitig mit der Schule kommunizieren

    Nicht erst reagieren, wenn das Jahreszeugnis unmittelbar bevorsteht.

  • Sprache im Alltag fördern

    Lesen, Gespräche und regelmäßiger Kontakt mit Deutsch helfen – ohne dass die eigene Familiensprache aufgegeben werden muss.

  • Schwierigkeiten möglichst genau identifizieren

    „Mein Kind ist schlecht in der Schule“ ist zu allgemein. Entscheidend ist, welcher konkrete Bereich Schwierigkeiten bereitet.

  • Den Bildungsweg verstehen

    Bei Übergängen rechtzeitig Informationen über Schulformen, Voraussetzungen und mögliche Wege einholen.

  • Unterstützung rechtzeitig organisieren

    Große Lernlücken lassen sich selten innerhalb weniger Wochen vollständig aufarbeiten.


Diese Empfehlung gilt übrigens nicht nur für Familien mit Migrationshintergrund. Frühzeitige Förderung ist grundsätzlich sinnvoller als kurzfristiger Leistungsdruck.


Entscheidet die Herkunft über den Bildungserfolg?

Nein.

Die aktuellen Daten zeigen zwar weiterhin Unterschiede zwischen verschiedenen Schülergruppen. Gleichzeitig zeigen sie aber auch deutlich, dass soziale Ausgangslage und Sprache einen erheblichen Teil dieser Unterschiede erklären.

Ein Migrationshintergrund sollte deshalb weder als Erklärung für schlechte Leistungen noch als Erwartungshaltung gegenüber einem Kind dienen.

Entscheidend ist vielmehr, ob ein Schüler die sprachlichen und fachlichen Voraussetzungen erhält, die er benötigt, und ob Schwierigkeiten früh genug erkannt werden.

Das Ziel sollte sein, dass Kinder unabhängig von ihrer Herkunft die Möglichkeit erhalten, ihr tatsächliches Potenzial in der Schule zu entwickeln.


Fazit – Vielfalt braucht individuelle Unterstützung

Österreichs Schulen werden vielfältiger. Das bringt Herausforderungen mit sich, aber auch Chancen.

Besonders relevant sind ausreichende Kenntnisse der Unterrichtssprache, stabile fachliche Grundlagen, ein gutes Verständnis des österreichischen Schulsystems und eine frühzeitige Zusammenarbeit zwischen Schule und Familie.

Pauschale Aussagen über „Schüler mit Migrationshintergrund“ helfen dabei wenig. Die Gruppe ist dafür viel zu unterschiedlich.

Sinnvoller ist die Frage:

Welche Voraussetzungen bringt dieses konkrete Kind mit und welche Unterstützung benötigt es für seinen weiteren Bildungsweg?

Genau dort sollten Schule, Eltern und gegebenenfalls zusätzliche Lernangebote ansetzen.


Quellen im Beitrag

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